Liebe Grüne in und um Gettorf herum,
für alle, die gestern nicht an der Hofführung teilnehmen konnten, möchten wir euch hier
eine Zusammenfassung der wichtigsten Eindrücke und Erkenntnisse wiedergeben. Die
Führung hat uns tief in die Philosophie und Praxis einer ökologischen und solidarischen
Landwirtschaft (Solawi) eintauchen lassen, die geprägt ist von Demut, Verantwortung und
echter Verbundenheit mit Boden, Pflanzen, Tieren und Menschen. Soviel mal vorweg.
Zunächst ein paar Hintergrundinformationen zu Dieter und dem Wurzelhof. Mit der
Katastrophe von Tschernobyl hat „der Hof“ entschieden, auf ökologische Landwirtschaft
umzustellen. Dies geschah vor ziemlich genau 40 Jahren. Seitdem geht der Hof in seiner
Agrar-Philosophie eigene Wege. Vor einem Jahr hat sich der Hof komplett auf Solawi
umgestellt, also keine Wochen-Märkte mehr. Ein Schritt, der mit ebenso viel Mut wie Risiko
verbunden war, galt es doch 30% der Einnahmen zu kompensieren.
Was genau charakterisiert nun die Arbeit, das Leben auf dem Wurzelhof?
Symbiose & Synergie statt Renditeorientierung
Der Hof lebt von einer Symbiose und Synergetik zwischen allen Elementen – Boden,
Pflanzen, Tieren und Menschen. Statt auf Rendite zu setzen, gilt hier das Prinzip des
kostendeckenden Arbeitens und mit Fokus auf die Qualität des Geernteten. Dabei sind
die Gesundheit des Bodens und der Lebewesen grundlegende Basis. Doch dazu später
mehr.
Boden als lebendige Ressource
Die minimalinvasive Bodenbearbeitung ist das Kernprinzip: Beispielhaft wird dies an einer
Fläche gezeigt, die vom Hof Rosenkranz übernommen wurde, wo sich in einer Tiefe von
ca. 30 cm eine Pflugsohle¹ gebildet hatte. Dieter hat sie durchbrochen oder besser
aufgehoben, und zwar mit Geräten wie dem Sauzahn, die den Boden lockern, damit
beleben und eben nicht weiter belasten oder schädigen. Zudem steht das Wasser aus 2m
Tiefe den Pflanzen durch den Prozess der Kapilarisierung zur Verfügung – eine wertvolle
Resilienz in heißen und regenarmen Sommer.
Was eigentlich nur eine Zahl sein könnte, aber unfassbar mehr ausdrückt, ist die 16. Denn
16 Jahre beträgt die Fruchtfolge. Konventionelle Bauern benutzen 3–5 Jahre. Die 16 Jahre
jedoch sorgen für ein vitales Bodenleben und verhindern den Befall von Schädlingen.
Pestizide sind nicht notwendig.
Mikroorganismen: Das Darmmikrobiom des Bodens
Analog zum Darmmikrobiom bei Mensch und Tier ist das mikrobielle Leben im Boden
entscheidend für die Vitalität der Pflanzen. Die Frage, wie wir den Boden mikrobiotisch
füttern, steht im Zentrum. Gesunde Böden fördern gesunde Pflanzen und letztlich
gesunde Menschen. So setzt er Borretsch zu den Gurken hinzu. Dies fördert deren
Wachstum, hilft gegen Schädlinge, bringt sogar mehr Aroma und hält den Boden durch
die tiefen Wurzeln locker.Pflanzenvielfalt und Ernährungssicherheit
Und nun kommen wir auf den Ertrag. Denn besonders bemerkenswert ist, dass der Boden
auf dem Hof richtig ertragreich ist. Ein Beispiel: Mit samenfesten Sorten werden auf nur
1m² Boden bis zu 10 kg Gemüse-Ertrag erzielt – eine beeindruckende Leistung, gerade
wenn man weiß, dass im Bioland-Anbau durchschnittlich bei besten Marschböden nur ca.
5 kg auf derselben Fläche erzielt werden. Anhand dieser Zahl wird deutlich, wie fruchtbar
und lebendig dieser Boden ist… und wie erfolgreich diese Art der Arbeit mit Boden und
Pflanzen ist.
Die politisch-existenzielle Tragweite
Natürlich ist auch die Politik – und ausnahmsweise mal die große Weltpolitik – nicht zu kurz
gekommen, denn es wurde gefragt, wie sicher unsere Versorgung ist und ob die Solawi
eigentlich und überhaupt uns ernähren könnte.
Unsere globale Ernährung basiert vor allem auf den drei Haupt-Kohlenhydratlieferanten:
Mais, Reis und Weizen. Im Gegensatz zu den samenfesten Sorten², die sich über
Generationen vermehren lassen, werden die meisten heute verwendeten Saaten von
großen Konzernen produziert und sind oft hybride³ Züchtungen. Diese Hybridsaaten
liefern zwar hohe Erträge, sind aber meist nur für eine Aussaat nutzbar und müssen jedes
Jahr neu gekauft werden. Das führt zu einer großen Abhängigkeit der Landwirt:innen von
Saatgutkonzernen.
Diese Praxis birgt Risiken für unser aller Ernährungssicherheit, denn:
● Die Vielfalt der Sorten schrumpft, was die Anfälligkeit gegenüber Schädlingen,
Krankheiten und Klimaveränderungen erhöht.
● Die Abhängigkeit von wenigen Konzernen und patentiertem Saatgut und
Düngegut kann die Versorgungssicherheit gefährden – gerade in Verbindung mit
den aktuellen geopolitischen Zuständen (Stichwort: Straße von Hormus)
● Der Boden wird durch intensive Nutzung, Monokulturen und chemische Düngung
oft geschwächt und verliert an Fruchtbarkeit.
Hinzu kommen weitere Herausforderungen durch die konventionelle Landwirtschaft:
● Pestizide und Herbizide belasten Böden, Wasser und Biodiversität, schädigen
Mikroorganismen und können Rückstände in Lebensmitteln hinterlassen.
● Bodenverdichtung durch schwere Maschinen führt zu schlechterer
Wasseraufnahme und Nährstoffverfügbarkeit.
● Der Klimawandel bringt unregelmäßige Niederschläge, Hitzeperioden und neue
Schädlinge, die die Landwirtschaft zusätzlich belasten.
Eine weitere bemerkenswerte Zahl hat uns Dieter präsentiert: Vor 65 Jahren standen
einem Menschen noch etwa 2.700 m² landwirtschaftliche Fläche für seine Ernährung zur
Verfügung – heute sind es nur noch etwa 2.000 m², die sich bis 2025 auf 1.700 m²
verringert. Eine Stadt wie Berlin mit seinen 3,8 Mio. Einwohnern könnte durch das Prinzip
solidarische Landwirtschaft ernährt werden.
Feminine Führung und Bedingungslosigkeit
Mit drei Betriebsleiterinnen setzt der Hof auf eine feminine Führung. Feminin steht in diesem
Zusammenhang für ein Miteinander in der Entscheidungsfindung.Daneben ist der Begriff „Bedingungslosigkeit“ mehrfach gefallen, und ich denke, es geht darum,
sich ohne Wenn und Aber den Bedürfnissen der Pflanze und dem Tier zu stellen. Das heißt dann
auch mal, um 6 Uhr morgens an einem Sonntag die Bewässerungsanlage einzuschalten oder, wie
beim Hof Rzehak (auch Solawi), die Kühe zu versorgen.
Hans-Peter Rusch: Ein Bio-Pionier als Vorbild und was daraus gewachsen ist
Wer tiefer in die historische Entwicklung und theoretische Einbettung der Bodenkultur auf dem
Wurzelhof eindringen möchte, kommt an dem Namen Hans-Peter Rusch⁴ nicht vorbei. Er lebte von
1907 bis 1977, war Arzt und Mikrobiologe. Sein Buch „Bodenfruchtbarkeit“ begreift den Boden als
lebendigen Organismus und lehrt Demut als Grundlage für gelingende Landwirtschaft. Heute ist
der Wurzelhof regelmäßig Ort und Forschungsstätte für die Universität Kiel unter Leitung von Frau
Prof. Dr. Sandra Spielvogel.
Abschließend – wobei Dieter es gleich zu Beginn zeigte – möchte ich auf die Wärmeversorgung
des Hofes und der Wohnhäuser zu sprechen kommen. Zwei kreisrunde, mit Stroh isolierte und von
Wasserleitungen durchdrungene Komposthaufen erhitzen sich organisch auf 60 °C und erwärmen
die Leitungen, die dann das Wasser in die Häuser leiten. Bis auf 50° wird das Absinken der
Temperatur im Kompost geduldet, ehe der Mechanismus abgeschaltet wird und wieder auf 60°
aufgebaut wird.
Fazit
Der Wurzelhof ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein lebendiger Kreislauf
funktionieren kann – Solidarität wird hier nicht nur unter Menschen, sondern auch mit Boden,
Pflanzen und Tieren gelebt. Und er zeigt: Diese minimalinvasive Bodenhaltung kann sogar doppelt
so hohe Erträge pro Quadratmeter erwirtschaften als beispielsweise Biolandbetriebe und somit
genausoviel wie mit konventionell angebauten Hybriden. Respekt!
💚 Grüße von Tine + Felix
¹ Eine Pflugsohle ist eine verdichtete Bodenschicht knapp unter der Pflugtiefe (ca. 30–40 cm), die durch
wiederholtes Pflügen bei Nässe entsteht und das Wurzelwachstum, Wasser- sowie Luftaustausch im Boden
behindert.
² Samenfeste Sorten (auch heimische, samenfeste oder nicht-hybride Sorten genannt) sind Pflanzenarten oder
-sorten, deren Samen nach der Ernte wieder ausgesät werden können, ohne dass sich ihre Eigenschaften
deutlich verändern.
³ Hybrid-Saatgut: Saatgut, das durch gezielte Kreuzung verschiedener Pflanzenlinien erzeugt wird, um höhere
Erträge, bessere Krankheitsresistenz oder andere gewünschte Merkmale zu erzielen. Hybrid-Saatgut muss oft
jedes Jahr neu gekauft werden, da die „Nachkommen“ nicht die gleichen Eigenschaften haben.
⁴ Unter anderem hier zu finden: https://www.openagrar.de/receive/timport_mods_00032467 Sein Buch
„Bodenfruchtbarkeit“ gilt noch heute als wegweisend.